Ein neues Kapitel

„Ein neues Kapitel“ ist ein neues Projekt von mir. Eine simple Geschichte. Mehr oder weniger.
Ich weiß, wo es hingehen soll, aber noch nicht, wie viel Umfang das „dazwischen“ haben wird.
Sie handelt von mir. Bzw. von einem Ich, wie es sein könnte. Irgendwann.
Entsprechend real sind die dargestellten Gefühle oder werden es sein.
Alle Personen in der Geschichte sind und werden realen Personen gewidmet, jedoch wie die Orte, frei erfunden.
Was ihr hier seht, ist eine Rohversion, von der schon mehr in meinem Notizbuch steht. Vieles wird sicher nochmal verändert, vor allem, was den Ausdruck angeht.

1

Ich würde alles hinter mir lassen. Das wusste ich, als ich am Flughafen-Terminal stand und eincheckte.
Es war nicht viel, was der Beamte durch seinen Röntgenscanner in meinem Gepäck beschauen konnte: ein kleiner Trolly, der ein paar Klamotten und ein paar technische Spielereien beinhaltete, von denen ich mich nicht trennen konnte. Mein Laptop und meine Digitalkamera. Die kleine Spielkonsole und mein MP3-Player waren in meinem Handgepäck.
Mein Laptop war jungfräulich, wie ein Neugeborenes, denn ich hatte ihn erst  am Abend zuvor formatiert. Auch die Speicherkarten meiner Kamera waren völlig leer.
Nebst ein paar wenigen Büchern hatte ich ansonsten nur noch etwas Geld in der Tasche. Es war die Kaution meiner Wohnung und ein bisschen was gespartes. Ca. 2300 € nannte ich mein Eigen und hoffte, mich damit eine Zeit lang über Wasser halten zu können, bis ich etwas gefunden hatte.
Doch der Euro stand gut zum Dollar und so war ich zuversichtlich in der Hinsicht, wenigstens ein paar Tage oder gar Wochen in einem billigen Hotel verbringen zu können, ehe ich Arbeit fand und Fuß fassen konnte.

Ich drehte mich noch einmal um.
Dies war vorerst das letzte Mal, dass ich Deutschland sehen würde.
Ich schaute mit einem lachenden und einem weinenden Auge hinaus.
Lachenld, weil ich nun endlich den Schritt zu einem völligen Neuanfang wagte. Endlich. Jeder Schmerz aus der Vergangenheit würde zurückbleiben und ich konnte mein Leben nun wieder selbst in die Hand nehmen. Die Bürokratie hatte mich nun erstmal nicht mehr in der Hand und endlich war ich frei von Verpflichtungen, außer jenen mir gegenüber.

Zwei Tage zuvor hatte ich mit meiner Mutter telefoniert und ihr gesagt, dass ich noch diese Woche gehen würde.
Sie war geschockt, das merkte ich. Doch nahm sie es eben wie meine Mutter: gefasst und mit Nerven aus Stahl.
Sie erkundigte sich, ob ich alles genau durchdacht hatte und als ich dies bejahte, meinte sie, sie habe es schön länger geahnt, seit ich mich von meiner Freundin getrennt hatte und sie wünsche mir viel Glück. Danach riet sie mir noch, mich bei meinem Bruder zu melden und gab mir das Wissen, auf den Weg, dass sie jeder Zeit für mich da sei und ich ihr hin und wieder einmal schreiben solle.

Dies war mein weinendes Auge.
Trotz des Wissens, dass ich gehen musste – und das alleine – widerstrebte es mir, wegen der Dinge, die mir noch immer am Herzen lagen. Mein Bruder war eines davon.
Doch es musste sein. Dessen war ich mir sicher.

Ihn nahm die Nachricht mehr mit, als unsere Mutter.
Tom war intelligent. Aber er war viel zu schluderig und unkonzentriert, als dass er seine Intelligenz immer richtig oder rechtzeitig einzusetzen vermochte. Und Menschenkenntnis hatte er schon gar nicht. Oder wenn, dann nur selten.
Trotzdem gehörte er zu meinem besten Freunden. Was es nicht einfacher machte, mich von ihm zu verabschieden.
Doch mit der Versicherung, ihm wenigstens einmal im Monat zu schreiben, schaffte ich es, auch diese schwere Hürde zu nehmen; wenn auch mit schwerem Herzen.

Ich drehte mich zum Flugzeug, das mich in ein paar Stunden in mein neues Leben absetzen sollte und stieg ein…

2

Ich saß im Schatten vom Holstentor und aß meine Pommes. Es war ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit doch die leichte Brise, die mir durch die Haare wehte, machte das Wetter angenehm.
Ich beobachtete die zahlreichen Leute, die an mir vorbeigingen, ohne mich zu beachten.
Heut zu Tage hatte die Menschenheit ganz offensichtlich ein Problem: Sie beachtete ihre Umwelt zu wenig. Vor einiger Zeit hatte ich mir ein Spiel daraus gemacht, Gemütslage und Beruf der Personen zu erahnen. Natürlich konnte ich selten prüfen, ob es stimmte. Aber es lenkte mich von täglichen Sorgen ab. Hinzu kam die Sonne, die meinen Gemütszustand wesentlich verbesserte.
Das Wetter machte mir schon immer zu schaffen indem es meine Stimmung stark beeinflusste. Und ich hatte das Gefühl, es würde nicht besser. Im Gegenteil – eher schlimmer.
Nur selten schaute jemand zu mir herüber. Dann lächelte ich nur. Das war das zweite Problem der Gesellschaft von heute: Jeder lebte für sich und durchbricht jemand diese Schranke, nimmt jeder schnellstens Abstand.
So funktionierte es immer. Jemand schaut zu mir und wundert sich, warum ich ihn anschaue. Aber wenn ich dann lächle, hat die Flucht für ihn die höchste Priorität.

Ich stand auf und schmiss den Rest der Pommes in den Mülleimer neben mir. Die Hitze hatte meinen Hunger vertrieben. Unter dem Torbogen stand eine große Menge Touristen. Meinen Rucksack schulternd bahnte ich mir meinen Weg durch die Masse und versuchte ein wenig was aufzuschnappen. Nichts interessantes. Warum ich das machte? Nur so. Manchmal schnappt man etwas interessantes auf. Und Informationen sind alles zur heutigen Zeit.
Als ich unter dem Tor hindurch war und den Weg über den Holstentorplatz entlang ging, fühlte ich mich plötzlich unbeschreiblich unbehaglich. Ich wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden und ich hatte einen Kloß im Hals, als wüsste man, dass gleich etwas schlimmes passierte.
Ich blieb stehen und schaute mich um. Überall gingen Menschen umher und beachteten mich gar nicht. Wie immer. Ich drehte mich einmal um meine eigene Achse. Nichts.
Plötzlich, als ich mich gerade wieder auf den Weg machen wollte, ging ein Mann an mir vorbei. Ich konnte ihn nur aus dem Augenwinkel sehen, da er an der entgegengesetzten Seite an mir vorbeiging, zu der ich mich drehte.
Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Nicht einmal seine Kleidung genau. Doch mir fuhr ein solch großer Schreck durch die Glieder, dass kurz aufschrie und das Gleichgewicht verlor…

Ich schreckte auf.
Meine Kopfhörer waren aus meinen Ohren gefallen, während ich geschlafen hatte.
Eine Stewardess stand neben mir. „Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht wecken.“
Verlegen lächelte ich sie an. „Ist nicht Ihre Schuld. Danke.“ Verdaddert nahm ich mein Nasenbein zwischen den rechten Daumen und Zeigefinger und schloss nochmal kurz die Augen.
Was für ein seltsamer Traum.
„Kann ich Ihnen vielleicht etwas bringen?“ fragte mich die junge Frau.
„Ähm… ja. Einen Kaffee bitte. Schwarz.“ – „Gern“ antwortete sie mir und verschwand.
Ich hatte zwar gehört, dass der Kaffee in Flugzeugen schrecklich sein sollte, aber ich brauchte jetzt Koffein, denn ich wollte bis zur Landung wach bleiben.
Der Kaffee kam.
Und die Gerüchte bewahrheiteten sich. Nur mit Zwang und angehaltener Luft konnte ich den Kaffee trinken, ohne mich schütteln zu müssen.
Ich schaute auf die Uhr. Nur noch wenige Stunden und ich würde gelandet sein. In einem neuen Land, einer neuen Welt. Einem neuen Leben…

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