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Winterdienst

Montag, 21. Dezember 2009, 10:22, Irgendwo in Neubrandenburg

Das Telefon klingelt.
Der Mann geht verschlafen, vom Bimmeln geweckt, ran: „Ja? Was gibt in dieser herrgotts Frühe?“
Am anderen Ende der Leitung ist die fast schon panische Stimme eines jungen Mannes zu hören:
„Sir… es ist passiert. Es hat geschneit.“
Blitzartig wird der Mann wach. „Was!? Wie konnte nur… großer Gott. Krisensitzung.“
„Wann, Sir?“
Der Mann schaut auf die Uhr: 10:25 – eigentlich noch ziemlich früh. „Nun… geschneit hat es nun schon – da können wir nichts mehr dran ändern. Sagen wir gegen 12.“
„Gegen 12, Sir. Alles klar. Ich werde die anderen benachrichtigen.“
„Tun Sie das, Bob. Tun Sie das.“ Der Mann legt sich noch mal hin.

11:58, Zentrale des Neubrandenburger Winterdienstes

„Meine Herren, dieser Schlag traf uns völlig unerwartet. Wir haben Dezember und seit Tagen Minusgrade. Aber wir sind schließlich keine Wetterexperten. Wir konnten ja nicht ahnen, dass es schneit.“
Zustimmendes Gemurmel.
„Ruhe bitte. Also – was machen wir jetzt?“
Schweigen.
„Kommen Sie! Sie müssen doch eine Idee haben, was wir tun können! Sie sind Spezialisten. Die Elite! Bob – irgendeine Idee?“
„Salz vielleicht, Sir.“
„Salz… keine schlechte Idee, Bob. Aber mein Essen schmeckt mir so. Danke.“
„Aber Sir. Ich meine, vielleicht sollten wir das Salz auf die Straßen streuen.“
Gekicher und Gemurmel.
„Bob – ich weiß schon, warum Sie eigentlich nur mein Sekretär sind. Salz auf die Straßen… wer soll das bezahlen!? Außerdem schmeckt Asphalt ganz fürchterlich.“
„Sir, bezahlen nicht die Steuerzahler das Salz?“
„Nein. Die bezahlen meine Kfz-Versicherung und mein Essen, dass sie beinahe versalzen hätten.“
„Oh.“
„Weitere Vorschläge?“
Wieder Stille. Ein verhaltendes Melden weiter hinten.“
„John. Was gibt es.“
„Sir – die Bürger werden unruhig. Wir sollten auf den Straßen präsent sein.“
„Hm… gut. Notfallplan Beta. Alarmstufe rot. Wir werden drei Wagen rausschicken. Zwei davon werden vorrangig nur dafür da sein, damit wir Präsenz zeigen. Sie fahren vor allem die viel befahrenen Straßen ab. Nur fahren, kein Streuen. Wir nehmen übrigens Sand. Der ist billiger – dann kann ich nachher noch zum Thailänder. War schon seit einer Woche nicht mehr da. Der dritte Wagen streut tatsächlich. Nehmen sie zuerst die kleinen Straßen, damit sie weniger Streumaterial verbrauchen. Vielleicht bleibt so noch was für morgen übrig.“
Genervtes Gemurmel im Raum.
„Sir… wann dürfen wir Feierabend machen?“
Der Chef schaut auf die Uhr. 12:15. Bald ist Mittagspause. Endlich.
„Hm… gegen 18 Uhr sollte es reichen. Nehmt euch ein paar gute CDs mit in die Wagen, dann geht die Zeit schnell vorbei.“
Zustimmendes Gemurmel.

17:32, Lindenberg, Neubrandenburg.

Ich stehe, trotz zwei Paar Socken, Pullunder, Hemd, zwei T-Shirts, einem Pullover, Winterjacke, gefütterter Schuhe und Mütze, schlotternd an der Bushaltestelle.
Kein Wunder. Schließlich sollte der Bus seit einer halben Stunde hier sein. Seit 25 Minuten sehe ich ihn auch schon. Sehe ihn, wie er vergebens versucht, die Anhöhe zu erklimmen. Mittlerweile schieben Busfahrer und Passagiere gleichermaßen an, rutschen dabei aber immer wieder auf der nicht geräumten Straße aus.
Sieht eigentlich sogar lustig aus. Würde gern lachen. Kann aber nicht. Meine Gesichtsmuskeln sind taub. Ich seufze. Mein Atem kondensiert und steigt in einem Nebel auf. Mich würde es nicht wundern, wenn er in ca. 30 cm Höhe wieder gefrieren würde und zu Boden fiele. Gespannt höre ich hin, ob es vielleicht klirrt. Nichts. Schade eigentlich.
Ich sehe, wie der Busfahrer sich resignierend in seinen Bus setzt, einen Funkspruch abgibt und dann anfängt, bitterlich zu weinen. Der Bus fällt heute wohl aus.
Wieder seufze ich. Dann mache ich mich auf den Weg.
Die Hauptstraße entlang gehend entdecke ich ein Räumungsfahrzeug, wie es über die noch immer nicht geräumte Straße fährt. Der Fahrer wippt zu offensichtlich stark rhythmischer Musik hin und her; er scheint ganz gut drauf zu sein. Nur beiläufig erkenne ich, dass das Räumfahrzeug nichts räumt.
Der Verkehr auf dem Neubrandenburger Ring steht. „Rien ne va plus.“ – Nichts geht mehr. Zwischen den stehenden Fahrzeugen erkenne ich Kinder, die mit dem Schnee spielen. Sie haben bereits eine niedliche Schneeburg gebaut, die nun überlebensgroß und als detailgetreues Abbild von Helms Klamm aus dem Herrn der Ringe, Teil 2, zusammen mit Wasserspeiern, Gandalf, Gimli, Legolas, Aragon, weiteren hundert Menschen und Elben und ein paar Pferden am Schwanenteich thront. Gerade sind die Kinder dabei, die angreifenden Orks zu bauen und stoßen dabei auf das Problem, dass ihnen der Platz fehlt.
Ich bleibe kurz zwischen den Autos stehen um mir das Bauwerk anzuschauen, dass ca. 30 Meter über mir sein Ende findet. Ganz oben setzt eines der Kinder gerade den letzten Schnee-Ziegelstein ins Mauerwerk und vollendet damit die Festung. Applaus. Standing Auvations. Menschen liegen sich staunend in den Armen. Die Straßenlaternen beleuchten die Szenerie in ihrem gelben Licht und wieder fängt es an zu schneien. Mir wird ein Becher mit warmen Glühwein gereicht, den jemand weiter hinten auf einem Campingkocher in seinem Kofferraum erhitzt.
Überall stehen Menschen zwischen den ruhenden Autos und betrachten Helms Klamm und die Orks. Sie unterhalten sich. Fremde, die sich nie zuvor getroffen haben. Pärchen liegen sich in den Armen und trinken gemeinsam ihren Glühwein. Ein Polizist zeigt einem staunenden Kind seinen Polizeiwagen von innen. Trotzdem versprüht das alles hier eine wunderbar winterliche Ruhe.
Ich setze mich auf den Kofferraum eines Autos, das nahe bei mir steht. Der Besitzer des Wagens steigt aus und prostet mit lächelnd zu, bevor er losgeht, um sich den Innenhof der Feste vor uns anzuschauen.
Der Glühwein wärm mich von innen; ein wohliges Gefühl. Ich muss lächeln. So habe ich mir Weihnachten immer vorgestellt: Keine Hektik, kein Lärm, kein Stress. Fröhliche Menschen.
All das, weil es schneit und nichts mehr geht und alles gezwungen wird, zu stehen und sich mit seinem Nächsten zu beschäftigen. Das ist mein Weihnachtswunder. Hier wurde ein ganz spezieller „Winterdienst“ verrichtet. Manchmal muss man die Leute eben zu ihrem Glück zwingen, oder?
Wie gut, dass es unseren Winterdienst gibt…

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  1. Xenia
    15. Februar 2010 um 1:28 am

    hihi Eine Geschichte die ich immer wieder lesen kann! und trotzdem immer wieder lachen muss!
    und sie ist schon so in meinem Hirn verankert, dass ich sie auch im Alltag zitiere! ^_^
    *großen Applaus*

  2. 31. Januar 2010 um 11:22 pm

    Keine Angst, das ist überall so. Auch in Thüringen. Man kennt den Schnee dort. Seit einigen tausend jahren wahrscheinlich. Bis heute weiß man nicht, was man hier damit tun soll.

    Was suchst du eigentlich auf dem Lindenberg?

    • 2. Februar 2010 um 2:32 am

      *lach* Was soll man auch bloß mit Schnee anfangen…

      Bis vor kurzem war mein/unser Büro in der Platanenstraße. Erst seit einer Woche haben wir ein neues in der Demminer. :]

      Freut mich, dass Du hier mal reinschaust!
      Liebe Grüße!

  3. 21. Dezember 2009 um 11:04 pm

    Heute ganz früh bin ich noch um den Ring gekommen, so gegen 9 war das. Wir wurden zwar von sämtlichen Fußgängern überholt, aber letztendlich sind wir doch rum gekommen. Tja, unser Winterdienst in Neubrandenburg ist schon was ganz besonderes…

    Cool, Christoph!^^

  4. 21. Dezember 2009 um 2:29 pm

    sehr schön. danke und liebe weihnachtsgrüße

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