Ed

Neubrandenburg, 27. Januar, 22:47

Es ist wieder Abend. Ein weiterer Tag zieht in die Lande, ohne dass ich mich gut danach fühle. Morgen geht’s wieder an die Arbeit und obwohl ich den Job hasse, werde ich Überstunden schieben, damit ich genug Geld für einen Führerschein habe und mir einen eventuellen Umzug leisten kann, sollte ich wirklich studieren.
Mein letzter Blog ist ungewöhnlich lang her und nicht nur er schein unerreichbar weit weg zu sein. Meine Freundin, die nun mittlerweile meine Verlobte ist, wohnt mit dem Rad vielleicht 15 Minuten entfernt. Und doch sehen wir uns sehr selten. Unsere Arbeitszeiten liegen einfach ungünstig zueinander. Und auch der Zeitpunkt meines Studienbeginns- etwa Oktober- scheint noch unerreichbar.
Ich werde auch noch ein wenig aufbleiben. So zu sagen das morgen vor mich herscheiben. Ich weiß, es bringt ja doch nichts, aber so kann ich mich noch ein wenig an meinen freien Tagen festhalten.
Neben mir dackelt Ed, mein kleiner dsungarischer Zwerghamster, durch den Käfig und schnüffelt neugierig durch das Gitter in meine Richtung. Ich nehme ein kleines Maiskorn, das von meinem Essen übrig ist und stecke es ihm durch die Gitterstreben. Neugierig schnüffelt er, packt es sich dann und verschwindet damit schnellst möglich in seinem Bau.
Bei allen dunklen Gedanken, die mir durch den Kopf streifen und mich blockieren, muss ich doch grinsen. Das ist auch der Grund, warum ich mir Ed gekauft habe. Er ist ein kleiner, meist stiller Begleiter, der einen Gegenpol zu mir darstellt- er hat keine Sorgen und alles, was er zum Leben braucht. Aber eines verbindet uns trotzdem: wir sind beide Einzelgänger, die nur ab und zu Gesellschaft brauchen.
Ich hingegen habe auch alles, was ich brauche; das Geld das ich verdiene ist zwar eigentlich viel zu wenig für das, was ich arbeiteaber rotzdem ist es mehr als genug für einen einzelnen, der in einer WG wohnt. Ich habe eine wundervolle Verlobte, der mehr Verständnis für mich aufbringt, als ich selbst es kann.
Und trotzdem bin ich nicht zufrieden. Trotzdem schiebe ich jeden Abend den kommenden Morgen vor mich hin.
Ed kommt wieder aus seinem Haus geschnüffelt und schaut nach, ob ich nicht vielleicht doch noch was für ihn da habe. Ich stehe auf, gehe in die Küche, hole noch ein Stück Mais und gebe es Ed durchs Gitter. „Das ist aber genug“ meine ich zu ihm, während er wieder zurück in seine Häuschen läuft.
Ich spüre, wie die Müdigkeit in mir aufkommt. Verdammt. Dabei wollte ich nicht schon jetzt ins Bett. Manchmal wünschte ich mir, auch jemanden zu haben, der mir ein Stück Mais durch das Gitter reicht, woraufhin ich mich zurück in mein Loch zurückziehen kann.
Aber so jemanden gibt es nicht.
Wir sitzen alle im selben Boot und sind doch auf ins allein gestellt und müssen selbst zusehen, wie wir an Land kommen. Nur hier und da findet man sich zu einer kleine, unbedeutenden Gruppe zusammen, um gemeinsam zu gehen oder zu schwimmen.
Uns wird kein maiskorngroßes Stück Glück gereicht und unseren Arbeitsplatz sehen wir öfter, als unsere Rückzugsorte und Lieben.
Das durfte ich lernen. Wir sind auf uns allein gestellt und uns wird nichts geschenkt. Und je früher man das erkennt, ohne auf einen großen Pott Mais zu warten, desto früher kann man sich darauf einstellen.
Hier geht jeder seinen Weg und ich werde meinen gehen. Ich kann keine Prognose machen, wie er verlaufen wird. Ich weiß nicht ob er mir gefallen wird und ob ich genug verändern kann, dass ich dort ankomme, wo ich hin will, aber ich werde ihn gehen. Weil ich es muss.
Und dabei schaue ich nicht zurück, sondern stets nach vorn.
Bis ich an das Gitter meines Käfigs komme, in dem ich gefangen bin und doch wieder nach einem Stück Mais schnüffel…

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